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Elizabeth Holmes und der Fall Theranos: Geschichte eines Betrugsskandals

Das Medizin-Startup Theranos versprach, Bluttests zu revolutionieren. Doch die Technik funktionierte nicht: Kunden bekamen falsche Diagnosen, Investoren verloren ihr Geld. Jetzt steht Gründerin Elizabeth Holmes wegen Betrugs vor Gericht.

EQS Editorial Team EQS Editorial Team

    Als 19-Jährige gründete Elizabeth Holmes ihr Unternehmen Theranos. Mit nur wenigen Tropfen Blut wollte das Unternehmen zahlreiche Bluttests durchführen und auf diese Weise Laboruntersuchungen revolutionieren. Ein Jahr später brach Holmes ihr Studium an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford ab, um sich ganz auf Theranos zu konzentrieren. Mit 31 Jahren war sie eine gefeierte Jungunternehmerin im männlich dominierten Silicon Valley. Theranos hatte einen Wert von 9 Mrd. Dollar, Holmes war die jüngste Selfmade-Milliardärin der USA.

    Jetzt, mit 37 Jahren, steht Holmes in Kalifornien wegen Betrugs vor Gericht. Aufgedeckt wurde er durch die Enthüllungen eines Whistleblower und die Recherchen eines Reporters vom Wall Street Journal: Die mehr als 200 Bluttests, die Theranos bewarb, konnte deren eigens entwickelte Labor-Maschine „Edison“ nicht im Ansatz selbst durchführen. Die Ergebnisse der wenigen Tests, die das Gerät bewältigte, waren fehlerhaft und unzuverlässig. Patienten erhielten Fehldiagnosen von Diabetes bis Krebs. Holmes versprach den Investoren ausserdem einen wesentlich höheren Unternehmensgewinn als Theranos tatsächlich erwirtschaftete. Für all diese Vorwürfe muss sie sich jetzt vor Gericht verantworten, Ende August hat die Juryauswahl begonnen. Holmes drohen bis zu 20 Jahre Haft.

    Wie konnte es so weit kommen? Ein Blick auf den Fall Theranos:

    Die Idee

    In ihrem ersten Studienjahr an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford entwickelte Elizabeth Holmes 2003 die Idee, einen Patch herzustellen, der mikroskopisch kleine Blutproben auf ansteckende Krankheiten testen und zur Behandlung Antibiotika dosieren sollte. Holmes reichte sogar die nötigen Papiere ein, um ein Patent darauf zu erwerben.

    Daraus entstand wenig später die Geschäftsidee von Theranos: Patienten sollten für Bluttests nicht länger mehrere Röhrchen voller Blut abgeben müssen. Stattdessen sollten wenige Blutstropfen genügen, um nach Markern für Cholesterin, Diabetes, Krebs und andere Krankheiten zu suchen. Die Proben wurden mit einem dafür entwickelten Blutabnahmestift entnommen (ähnlich wie beim Messen des Blutzuckerspiegels bei Diabetikern) und im eigens von der Firma entwickelten Mini-Laborgerät namens „Edison“ analysiert.

    Theranos versprach, Bluttests einfacher, schneller und günstiger zu machen. Patienten hätten nicht nur vom schmerzloseren Verfahren, sondern auch von günstigeren Tests profitiert, für die im amerikanischen Gesundheitssystem hohe Kosten anfallen können. Damit hätte das Unternehmen amerikanische Marktführer wie Labcorp und Quest Diagnostics in Bedrängnis gebracht, die für Tests röhrchenweise Blut abnehmen und Ergebnisse erst nach mehreren Tagen liefern. Holmes‘ Geschäftsidee versprach Milliardenumsätze.

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    Der Aufstieg

    Nachdem sie ihr Studium in Stanford abgebrochen hatte, nutzte Holmes das von ihren Eltern für ihre Ausbildung gesparte Geld als Startkapital für Theranos. Sie überzeugte ihren Stanford-Professor Channing Robertson von ihrer Idee und gewann ihn als erstes Vorstandsmitglied. Robertson brachte Holmes mit Risikokapitalgebern in Kontakt, bis Ende 2004 sammelte sie 6 Mio. Dollar Kapital ein. Zunächst agierte das Unternehmen im „stealth mode“: ohne Unternehmenswebsite oder Pressemeldungen. Obwohl Holmes ab 2013 ins Rampenlicht trat und schnell zum Medienstar wurde, sollte die geheimnisvolle Aura um Theranos bis zum Fall des Unternehmens fortbestehen.

    Holmes soll Apple-Gründer Steve Jobs verehrt und nachgeeifert haben: Sie heuerte Apple-Designer für das Produktdesign des Laborgeräts „Edison“ an und trat bald nur noch in schwarzen Rollkragenpullovern auf. Holmes begann außerdem mit einer tieferen Stimme zu sprechen.

    Mit diesem Image trat sie 2013 an die Öffentlichkeit. Zwei Jahre später schloss das Unternehmen eine Partnerschaft mit der US-Drogeriekette „Walgreens“ ab. In über 40 Filialen sollten Theranos-Tests angeboten werden. Holmes versprach, die Theranos-Bluttests würden bald in nur 5 Meilen Entfernung von jedem amerikanischen Haushalt verfügbar sein. Investoren und Geschäftspartnern gegenüber behauptete sie, die Theranos-Tests seien beim US-Militär in deren Medivac-Hubschraubern im Einsatz – eine Behauptung, die sie erst widerrief, als sie von Ermittlern unter Eid vernommen wurde.

    Holmes wurde zum Medienstar und zur gefeierten Visionärin. Sie war auf dem Cover von „Fortune“, „Forbes“ und „Inc“. 2015 wurde Theranos mit 9 Mrd. Dollar bewertet. Holmes galt als jüngste Selfmade-Milliardärin der USA, landete auf der Liste der 100 einflussreichsten Personen des US-Magazines „Time“. Im gleichen Jahr besuchte der damalige Vize-Präsident Joe Biden das Theranos-Labor in Palo Alto und pries Holmes als Inspiration.

    Die Unterstützer

    Holmes konnte einen mächtigen Kreis an Unterstützern um sich scharen. Einer ihrer ersten und wichtigsten Fürsprecher war Stanford-Professor Channing Robertson. Holmes hatte in seinem Labor gearbeitet, Robertson wurde ihr Mentor und wenig später das erste Vorstandsmitglied bei Theranos. Der Experte für Bio-Engineering verhalf dem Unternehmen nach außen zu wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit und bekam dafür ein üppiges Gehalt. Er verteidigte Holmes und Theranos lange gegen kritische Nachfragen und Zweifel an der Wirksamkeit der Technologie. Ob Robertson von den Problemen mit der Technik wusste, ist offen.

    2011 traf Holmes den früheren US-Außenminister George Shultz, wenig später wurde er Vorstandsmitglied bei Theranos. Mithilfe des gut vernetzten Shultz wurde der Vorstand innerhalb der kommenden Jahre mit weiteren einflussreichen Personen aus Politik und Wirtschaft besetzt, darunter der frühere Außenminister Henry Kissinger, der ehemalige Verteidigungsminister William Perry, General Jim Mattis, und der frühere CEO der Wells Fargo Bank, Richard Kovacevich.

    Geld für das Startup bekam Holmes von nicht minder bekannten Namen: Die Walmart-Gründer-Familie Walton investierte 150 Mio. Dollar, Medienmogul Rupert Murdoch über 120 Mio. Dollar, die ehemalige Bildungsministerin Betsy DeVos 100 Mio. Dollar. Sie alle verloren ihr Investment mit dem Zusammenbruch von Theranos.

    Die Probleme

    2009 stieg Ramesh „Sunny“ Balwani bei Theranos mit ein. Er kümmerte sich fortan um das Tagesgeschäft, besass jedoch keine Kenntnisse von Biomedizin und hatte nie in einem Tech-Startup gearbeitet. Mitarbeitern wurde schnell klar, dass er die Prozesse und Technologien im Labor nicht verstand. Aufgrund seines aufbrausenden Temperaments wurde Balwani im Unternehmen schnell als „enforcer“ bekannt, als Vollstrecker. Elizabeth Holmes verheimlichte vor Mitarbeitern und dem Vorstand die Tatsache, dass sie mit Balwani eine Beziehung führte.

    Theranos versprach, anhand von nur wenigen Blutstropfen zahlreiche Tests zu Hinweisen auf Krankheiten wie Diabetes oder Krebs durchführen zu können. In den Interviews von Firmengründerin Elizabeth Holmes variierte die Zahl der angeblich durchführbaren Tests: Oft war von über 200 die Rede, ein Unternehmensprofil im US-Businessmagazin Inc. sprach 2015 sogar von über 250. Doch der „Edison“ – das Gerät, das die Tests durchführen sollte – hielt bis zuletzt nicht, was Theranos versprach. Das Gerät gab unzuverlässige oder falsche Ergebnisse aus. Einzig der Test auf das Herpes-Virus wurde im Juli von der amerikanischen Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration (FDA) als zuverlässig anerkannt. Um die grosse Anzahl der beworbenen Tests durchführen zu können, besorgte Theranos Fremdgeräte von Siemens, verheimlichte diesen Umstand jedoch vor Patienten, Geschäftspartnern und Investoren. Eine FDA-Inspektion legte 2015 ausserdem Unzulänglichkeiten bei den Tests offen, die Theranos erst einige Wochen später öffentlich machte.

    Mitarbeiter im Labor machten auf die Probleme mit „Edison“ aufmerksam und dokumentierten sie in Fehlerreports. Doch die Hinweise wurden von der Firmenleitung ignoriert. Statt an der Problemlösung zu arbeiten, wurden aus den Ergebnissen der Testläufe im Unternehmen nur die korrekten Daten herausgefiltert und weiter ausgewertet. Die falschen Ergebnisse wurden ignoriert. Holmes‘ Partner Balwani soll zweifelnde oder kritische Mitarbeiter unter Druck gesetzt haben. Ehemalige Mitarbeiter beschreiben die Firmenkultur als eine Mischung aus Misstrauen, psychischem Druck und Lügen. Holmes selbst soll ihren Mitarbeitern gegenüber selbst bei kleinen Details gelogen haben und behauptete etwa in Emails, nicht im Büro zu sein, obwohl sie nur wenige Meter entfernt an ihrem Schreibtisch sass. Zahlreiche Mitarbeiter kündigten oder wurden gefeuert, wenn sie zu viele Fragen stellten oder zu kritisch waren.

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    Der Whistleblower

    Tyler Shultz begann 2013 bei Theranos zu arbeiten und war ein begeisterter Anhänger von Holmes‘ Vision. Er bekam eine Vollzeitstelle im Diagnoseteam und stiess bald auf Probleme mit den Testergebnissen. Trotz fehlerhafter Ergebnisse wurden die Reports in der internen Statistikabteilung abgenommen und Daten in den Reports verändert. Tyler fiel auf, dass die Arbeitsweise von „Edison“ niemandem genau bekannt war. Selbst Inspektoren wurde der Zugang zum Labor verweigert, in dem die „Edison“-Geräte arbeiteten. Denn dort liefen die Bluttests nicht durch Theranos‘ eigenes Equipment, sondern durch Fremd-Geräte.

    Schultz machte intern auf die Probleme aufmerksam: Er suchte das Gespräch mit Elizabeth Holmes, seine Sorgen wurden nicht ernst genommen. Sie verweigerte ihm ein zweites Gespräch und bat ihn, seine Beobachtungen in einer E-Mail zusammenzufassen. Die Antwort kam nicht von Holmes, sondern ihrem Partner Ramesh „Sunny“ Balwani, der Shultz in der E-Mail beleidigte und bedrohte.

    Shultz wandte sich daraufhin an seinen Grossvater, den ehemaligen US-Aussenminister George Shultz, der im Vorstand von Theranos sass – er wollte ihm zunächst nicht glauben. Seine Familie riet ihm, den Job unter einem Vorwand zu kündigen. Die Situation gipfelte in einem Treffen im Haus seines Grossvaters, bei dem Anwälte von Theranos Shultz drängten, eine Schweigeverpflichtung zu unterzeichnen. Shultz weigerte sich.

    Stattdessen gab er seine Informationen 2015 an John Carreyrou, einen Reporter des Wall Street Journal. Mithilfe der Informationen von Shultz und eigenen Recherchen veröffentlichte Carreyrou im Oktober 2015 einen ersten Artikel, in dem er offenlegte, dass Theranos nicht die eigenen Maschinen für die Bluttests einsetzte und dass der „Edison“ unzuverlässige Ergebnisse lieferte. Theranos stritt alle Vorwürfe als falsch ab, drohte Carreyrou und Shultz mit Klagen.

    Die Drogeriekette Walgreens stellte die Zusammenarbeit mit Theranos vorübergehend ein. Im Januar 2016 warnte die staatliche Aufsichtsbehörde CMS nach unzuverlässigen Ergebnissen beim Nachweis eines Blutverdünners, dass Theranos-Tests die Patientengesundheit gefährdeten. Drei Monate später begannen die Strafverfolgungsbehörden und die Finanzaufsicht SEC Ermittlungen gegen Theranos. Ramesh „Sunny“ Balwani, der das Tagesgeschäft bei Theranos geführt hatte, verliess das Unternehmen.

    Walgreens und andere Partner klagten gegen Theranos, der Fall endete 2017 mit einem Vergleich. Anfang 2018 verkündete die SEC eine Anklage gegen Elizabeth Holmes und ihren Businesspartner Ramesh „Sunny“ Balwani. Holmes musste ihren Posten als CEO aufgeben und wurde mit dem Verbot belegt, in den kommenden 10 Jahren ein börsennotiertes Unternehmen zu leiten. Im Juni 2018 erhoben die kalifornischen Strafverfolgungsbehörden Anklage gegen Holmes und Balwani. Theranos wurde im September des gleichen Jahres geschlossen.

    Der Prozess

    Drei Jahre nach dem Ende von Theranos hat jetzt in Kalifornien der Prozess gegen Gründerin Elizabeth Holmes begonnen. Der Prozess wurde zunächst von der Pandemie, dann von Holmes‘ Schwangerschaft verzögert: Holmes ist von Balwani getrennt und mit einem wohlhabenden Erben liiert, die beiden haben im Juli 2021 ihr erstes Kind bekommen. Während des Prozesses wird für die junge Mutter ein eigener Raum zur Verfügung gestellt, in dem sie ihren Sohn stillen und versorgen kann.

    Die Ankläger werfen Holmes vor, Investoren und Patienten absichtlich in die Irre geführt zu haben: Von den über 200 beworbenen Bluttests konnten die hauseigenen „Edison“-Geräte nur die wenigsten selbst durchführen und lieferten keine korrekten Ergebnisse. Holmes soll ausserdem über die Höhe der Unternehmensgewinne gelogen haben.

    Angeklagt ist auch ihr früherer Geschäftspartner Ramesh „Sunny“ Balwani. Holmes führte während seiner Zeit im Unternehmen eine Beziehung mit ihm, die sie vor Mitarbeitern und Investoren geheim hielt. Auch Balwani wird mehrfacher Betrug vorgeworfen. Holmes‘ Anwälte haben erreicht, dass die Prozesse der beiden getrennt verhandelt werden und Holmes als erste vor Gericht steht. Vor Kurzem wurde ihre Verteidigungsstrategie bekannt: Sie wirft Balwani vor, sie während der Beziehung missbraucht zu haben und behauptet, von ihm kontrolliert worden zu sein. Balwanis Prozess soll erst Anfang kommenden Jahres beginnen.

    Mehr zum Fall Theranos

    Der Podcast „The Dropout“ rekonstruiert Elizabeth Holmes‘ Rolle vom Aufstieg bis zum Fall des Unternehmens und begleitet den Prozess gegen sie.

    John Carreyrou, der den Betrug bei Theranos im Wall Street Journal öffentlich machte, hat über seine Recherchen und den Fall das Buch „Bad Blood: Secrets and Lies in a Silicon Valley Startup“ geschrieben. Er hostet ausserdem den Podcast „Bad Blood: The Final Chapter“ über den Prozess.

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